Am Smaragdenfluss

Eine Höhen- und Tiefenwanderung mit atemberaubender Kulisse und Mischgefühlen.

Ab jetzt wandere ich. Also, das stimmt nicht ganz, eigentlich wandere ich schon seit einigen Tagen. Meine Wanderung beginnt in einem Outdoor-Laden, den ich liebgewonnen habe, weil er nicht ganz so funktionsjackenmäßig daherkommt, obwohl es dort ganz viele davon zu kaufen gibt. In diesem Laden jedenfalls bekomme ich seit meinem letzten Einkauf zehn Prozent Rabatt, ich bin jetzt Teil eines unausgewiesenen Wander-Clubs. Im Club bin ich die, die sich immer ein bisschen sträubt, wenn sie Merino-Wollshirts und Zip-Hosen anprobiert. Ich bin die, die in der Umkleidekabine leise vor sich hin lästert und dann doch alles kauft. Woody Allen wäre stolz auf mich!

Neu in meinem Outdoor-Sortiment ist eine Wasserblase. Bis zu drei Liter kann ich nun in meinem, ebenfalls neuen, Wanderrucksack verstauen, ohne, dass ich es – Gott bewahre! – links und rechts in Flaschen in die Außentaschen stecken muss. Dieses Blasenwasser passt sich allem an, was ich noch so eingepackt habe und wenn ich trinken möchte, sauge ich an einem Schlauch, der mir die gesamte Wanderung über die Schulter hängt. Wer als Profi erkannt werden möchte, und davon gibt es überraschend viele Menschen, der sieht mit seinen Wanderstöcken und dem Trinkschlauch ein bisschen aus wie jemand, der jederzeit bereit ist, seinen Fußabdruck auf einem, bis dahin unberührten Planeten zu hinterlassen. Ein kleiner Schritt für mich, ein großer…

Na gut, bei mir ist es nur ein mir bis vor Kurzem unbekannter Weitwanderweg. Mit minimalem Gewicht stapfe ich also los und zippte mir als erstes den lästigen, unteren Teil meiner Wanderhosen ab. Warum nochmal habe ich nicht einfach eine kurze Hose angezogen? Weil ich aber nicht grundlos so viel Geld ausgegeben haben will, freue ich mich über die tatsächlich vorhandene Leichtigkeit dieser Hose, vor allem so ohne Beine und – jetzt steigt meine Funktionslaune – auch gleich noch über die Trocknungsgeschwindigkeit meines Merino-Wollshirts. Dieses Shirt riecht wirklich nie, egal, wie lange ich es in meinen Wanderschweiß einweiche. Vielleicht stinken Merinoschafe ja ganz übel, man bekommt es aber erst mit, wenn sie geschoren werden und dann ist man froh, wenn das Fell schnell wieder nachwächst.

Ich schweife ab, wo war ich stehengeblieben? Ach ja, ich laufe, in diese überwältigende Landschaft. Einen Nationalpark. Schroffe Berge stehen in der Sonne, mit kleinen, kühlenden Schneemänteln, darunter alles grün und später dann smaragdfarben. Wegen des smaragdenen Flusses bin ich aufgebrochen und diesem Naturerlebnis bin ich nun hoffnungslos ergeben. Ich setze einen Fuß vor den anderen, lächle debil vor mich hin und laufe schließlich durch das Naturerlebnis eines nackten, masturbierenden Mannes. Wenn ich auch nicht der Auslöser bin, so doch ein willkommener Ansporn. Das holt mich aus meiner Beinahe-Transzendenz zurück. Ich poltere kurz über den Fluss hinüber, er wichst freundlich weiter und ich erhöhe mein Lauftempo.

Irgendwann geben Wegweiser und Navi widersprüchliche Signale. Das ist gut für entscheidungsschwache Gemüter wie mich. Muss ich eh lernen! Also wieder zurück und nochmal an dieser Gabelung los. Ich konzentriere mich auf die Steinhügel im ausgetrockneten Flusslauf, die den nächsten Abzweig markieren sollen, überquere die Wiese mit den Ziegen, biege am oberen Ende rechts in den Wald und: finde den Weg wieder. Das war jetzt großes Abenteuer! Ich packe den Reiseführer zur Seite, zu wenig markant scheinen mir seine Wegmarkierungspunkte. Da stehen jetzt auch immer öfter Schilder rum und die müssen doch wissen, wohin sie zeigen. Schnell geht es nur noch bergauf, vorbei an einer wirklich malerischen, hölzernen Russischen Kapelle – hier starben russische Kriegsgefangene beim Passstraßenbau. An einer Schneelawine. Ich überfliege die Infotafel, viel Zeit zum Trauern habe ich nicht, die Sonne steht schon recht tief. Nach knapp drei Stunden erreiche ich die Hütte, fühle mich aber, als wäre ich den ganzen Tag gelaufen. Ich frage mich, wie ich in ein paar Tagen das nahezu Vierfache davon schaffen soll.

Der Hüttenwirt ist so nett, so zu tun, als hätte ich eine krasse Tour hinter mir, ich bekomme sogar ein Einzelzimmer, um mich von den Strapazen zu erholen. Die Wände sind so dünn, dass ich die Gespräche mithören, aber eben nicht mitansehen kann. Ich dusche warm – hat der Mensch je etwas Schöneres erlebt? – und esse noch schnell auf der Terrasse, geschmacksverstärkte Kohlenhydrate, als Nachspeise ein paar Brotreste aus dem zurückgelassenen Nachbarbrotkorb, ich weiß ja nicht, ob ich hier oben je wieder etwas zu Essen bekomme. Dann zieht sich die Sonne hinter die Berge zurück. Ich fühle, wie sie alle Wärme mit sich reißt und wechsle mit meinem Single-Frauen-Bier in den Aufenthaltsraum. Die andere Frau, die auch alleine wandert, hat die gleiche Flasche vor sich stehen, deshalb die Vermutung. Das Bier ist in eine Papiertüte gewickelt, vielleicht, damit wir etwas zum Dranrumfummeln haben. Weil wir da einfach nur noch vor uns hinsitzen, geschafft und glücklich, wie zwei leere Wasserblasen.

Mein Navi erstellt mir in den kommenden Tagen ein recht abwechslungsreiches Gefühlsprofil. Es geht steil nach oben und dann direkt wieder hinab. Bin ich nicht auch deshalb unterwegs? Weil ich eben nicht nur hoch und runter, sondern auch ein bisschen in mich hineinwandern wollte? Ich stoße jedenfalls ziemlich schnell gegen Gefühlspoller und wünsche mir, jemandem davon erzählen zu können. Die Anfälle erreichen schon an Abend drei ein bedrückendes Ausmaß, dass ich nach Hause telefonieren muss, genau wie E.T., nur, dass ich mit meinem Zeigefinger jemanden erreiche, der sich zurückmeldet. Ich jammere in einer ehemaligen Scheune, auf einem Bett aus Heu. Da wo ich länger liege, entstehen Dellen, so dass ich regelmäßig die Lage wechseln muss, damit ich nicht zu tief einsinke in mein Selbstmitleid. Dann zwinge ich mich hoch und gehe vor die Tür. Ums Haus herum stehen Traktoren, die nicht wie Deko aussehen, Hühner picken zermatschtes Gemüse aus einer großen Schale, Tomaten und Zucchinis gedeihen reihenweise vor sich hin. Wer hier nicht arbeiten muss, für den ist dieser Ort das Paradies auf Erden, und ich muss hier ja nicht arbeiten, nur fehlt mir die irdische Gesellschaft. Wie viele Wanderer sind mir heute auf dem Abstieg begegnet? Sechs vielleicht? Höchstens! Ich gehe runter an den Smaragdenfluss, der mir etwas Trost zugurgeln soll, aber er ist sehr kalt zu mir. Wir werden uns anfreunden, doch so etwas braucht eben Zeit.

Ich erhöhe mein Datenvolumen fürs Handy. Damit ich fernsehen kann, wenn es ganz schlimm kommt mit der Einsamkeit. Eine ARD-Romanze hat mich noch immer zurück ins Leben geworfen – so schlimm wie da drin ist es nirgends sonst. Ich beschließe noch bevor die ARD-Ehefrau aus ihrer dysfunktionalen Ehe in die Arme eines gutaussehenden Witwers flüchten kann, dass ich am nächsten Morgen mit den erstbesten Menschen Kontakt aufnehme, die mir über den Weg laufen. Es sind Rainer und Gabriele. Sie sitzen im Frühstücksraum am Nachbartisch. Das deutsche Ehepaar erklärt mir die Funktionsweise des Kaffeeautomaten. Ich bin gerettet! Wir reden weiter übers Rührei, das haben die Hennen vor meiner Scheune über Nacht ausgebrütet. Rainer und Gabi sind in zweiter Ehe verheiratet, das erfahre ich aber erst beim Abendessen, und sie haben ein gutes Verhältnis zu ihren schon jugendlichen Kindern. Die fahren immerhin mit ihren Eltern noch gemeinsam an die Küste, aber entschwinden: Berge, igitt! kurz vor unserem Kennenlernen in einem Flixbus in die temporäre Sturmfreiheit.

Irgendwann betritt Claus die Frühstücksszene. Ich bin sofort verliebt. Er trägt ein buntes Hemd mit afrikanischen Motiven und sein Gemüt ganz offen. Rentner sei er zwar, aber Nichtarbeiten nicht so seins, sein Leben lang Verkäufer, auch mal bei den Gelben Seiten, und jetzt verkaufe er halt bei einem Steinmetz Grabsteine. Da ist die Nachfrage zumindest so lange gesichert, bis wir unsere Aschen überall in der Welt verstreuen lassen dürfen, also vermutlich noch lang genug für Claus. Zu Claus gesellt sich bald Joachim, der gern Flöte spielt und meditiert, aber auf eine wahnsinnig unstörende Weise. Joachim ist Altenpfleger, kommt gerade von einem Auszeitjahr aus Griechenland und mag sich noch nicht so richtig wieder eingliedern in die deutsche Arbeitswelt, mit ihren schlimmen Bedingungen für so genannte Care-Arbeiter, in diese Welt, in der seine Frau nun schon wieder Menschen beim Sterben begleitet. Er verlängert seine Auszeit um diesen Urlaub und, wie mir scheint, wohl um noch einiges länger. Ein bisschen Angst hat er auch, in diesem Text aufzutauchen, aber völlig unbegründet: Claus und Joachim werden meine beiden Talismänner, die ich in Gedanken mitnehme, um mich immer wieder an ihrem herzlichen Wesen zu erfreuen. Wer kennt schon Männer über sechzig, die – freiwillig – in einem Doppelbett schlafen, einfach, weil sie den anderen schätzen? Wenn die beiden wandern, dann verweilen sie mehr als dass sie gehen. Aber sie laufen eben nicht nur durch einen dichten Sommerwald am Smaragdfluss – sie haben ihr Leben in ihren kleinen Tagesrucksäcken und sie diskutieren es, ganz so, als wäre es noch nicht in sie eingeschrieben.

Aber weil es an meinem freien Tag bewölkt ist, landen wir erst einmal gemeinsam in einer Zwei- Personen-Gebetszelle, angeblich eine Infrarotsauna. Wir beichten uns im lauwarmen Jacuzzi daneben das ein oder andere Lebensgefühl und ich denke, dass der Regen, der gerade fällt, wirklich ein gutes Timing für Atmosphäre hat. Abends sitzen wir alle gemeinsam an einer langen Tafel vorm Bauernhof, vor uns das frisch zubereitete Drei-Gänge-Menü und Wein aus der Gegend – der Biotechniker Rainer lernt das schöne Wort autochthon kennen und lieben. Als der, natürlich, selbstgebrannte Birnenschnaps vom Hüttenwirt die Runde macht, da weiß ich, ich bin in einem französischen Filmmoment gelandet. Wir erzählen uns kleine Wahrheiten, weil der Schnaps so hochprozentig und die Luft so klar ist. Ich wünschte, ich könnte mir den Film zu Hause ausleihen, ihn nicht übertrieben kitschig finden und alles noch einmal genau so fühlen.

Nach dem dritten Schnaps erzählt Joachim, dass sich seine Frau schon sechs Mal von ihm getrennt hat. Beeindruckend, weil es ja auch bedeutet, dass sie ihn sechs Mal zurückgenommen hat. Er findet, es ist spannend, die unterschiedlichen Wachstumsprozesse des Lebens mit nur einer Person auszumachen. Ich sage, ich sei eher der Bäumchen-wechsle-dich-Typ. Die knorrige Eiche allerdings, unter der ich seit einigen Jahren verweile, spendet mir ergiebig viel Schatten zur Entfaltung, auch für meine weniger zierlichen Zweige. Vielleicht hat Joachim ja recht. Ich packe diese Möglichkeit in meinen Rucksack, fülle meine Wasserblase nur gerade so nicht mit dem leckeren Schnaps und ziehe am nächsten Morgen weiter. Am Abend will ich im Aktiv-Zentrum der Gegend einchecken. In einem Hostel voller Sportaktivisten. Es wird der größte Gegensatz dieser Reise, aber das ist eine andere Geschichte.

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