Musik hinter Gittern

Marcus steht unter Strom. Er drückt beim Soundcheck mal kurz ein paar Keyboard-Tasten, zupft an der Gitarre herum und stimmt den Bass, den er beim Auftritt spielen wird. Ein One-Man-Soundcheck. Er wird auch ein selbst geschriebenes Lied singen, in dem die Worte „Steh deinen Mann!“ oder „harte Zeiten sind für uns nicht neu“ vorkommen. Marcus sitzt in der Justizvollzugsanstalt.

Marcus wirkt nicht wie ein harter Typ. Er ist 30, sieht aber noch recht jungenhaft aus. Trotzdem sitzt er seit drei Jahren im Gefängnis, warum, das möchte er nicht sagen. Hier in der JVA Zeithain, im sächsischen Nirgendwo, hat er es vergleichsweise gut, hier steht ein hoher Zaun zwischen ihm und seinen Problemen. Im Kreativzentrum der Haftanstalt begann er vor kurzem mit dem Musikmachen. Nun absolviert er gerade den zweiten Auftritt mit seiner Rockband El Mono. Ein Kurzzeitprojekt, wie alle Bands hier. Musiker werden entlassen, verlegt oder haben plötzlich keine Lust mehr. Doch ein Konzert vor ihren Zellennachbarn ist ein großes Ereignis im tristen Gefängnisalltag und beweist, wie wichtig es ist, dass hier nicht nur Strafen und Zeit abgesessen werden.

Seit 1999 arbeitet der Kunsttherapeut Alfred Haberkorn in der JVA Zeithain. Er hat die Verwandlung eines kleinen Kreativprojekts zu einem Arbeitsplatz für vier Kunsttherapeuten begleitet. Häftlinge können heute Theaterspielen, Töpfern, Stricken, Meditieren, Malen, Steinmetzen oder eben Musikmachen. Das große Angebot sei recht einmalig in Deutschland, sagt er. Rund ein Drittel der 400 Häftlinge nehmen an einer oder an mehreren Aktivitäten teil. Bis Ende 2007 war das flache Reihenhaus mit dem kleinen Garten und der Grillstelle davor die Schule und das Gefängnis drum herum eine Jugendhaftanstalt.

Nun verbüßen hier männliche Erwachsene Haftstrafen von bis zu fünf Jahren. Nur wenige von ihnen fanden, so wie Marcus, erst vor kurzem zur Musik. Ein Mitglied von El Mono hatte vorher eine Punkband, ein anderer spielte schon in der Knast-Funkband mit, einer ist professioneller Veranstaltungstechniker und mischt heute den Konzertsound ab. Während er höchst geschäftig zwischen Mischpult und den Instrumenten hin- und herläuft erzählt er, dass er die Bühnenpläne großer Festivals wie dem „Rock im Park“ aufstellte, bis er ins Gefängnis musste. Gelegentlich übernimmt er immer noch Aufträge. „Arbeiten kann ich ja auch von hier drin“, sagt er, „nur auf die Mucken eben nicht mehr.“

An diesem Abend kommt die Mucke zu ihm. Der Kunsttherapeut Haberkorn hat eine Dresdner Band eingeladen, um vor den Insassen zu spielen, El Mono treten als Vorband auf. Neben den vier Gefangenen, macht auch ein Bediensteter der JVA mit. Sie nennen ihn Herrn Bibow. Sein Vorname existiert hier nicht, obwohl er lässig aussieht, mit Basecap und Tätowierung auf dem Arm. Herr Bibow ist so etwas wie der Leader und Motivator der Band. Aber trotz aller freundlicher Ausstrahlung ist er zweifellos eine Autoritätsperson, er ist der mit dem Schlüssel. Verlässt Bibow den Raum, müssen sich die Gefangenen untereinander einigen, wo es lang gehen soll. Dann wird es schnell laut und ruppig. Die Insassen lösen das Problem der knisternden Monitorbox beim Soundcheck irgendwie trotzdem und bald necken sie sich wieder und nennen sich gegenseitig „Spatzl“.

Die Anspannung steigt. Gleich kommt das Publikum aus seinen Zellen. 55 Insassen haben sich für den Abend angemeldet und bald ist der kleine Raum voll durchtrainierter, tätowierter Männer mit kurzrasierten Haaren. Ein Drahtiger, mit einem Bild von Buddy Holly auf dem Rücken, klatscht mit einem Kraftprotz in Thor Steinar-Jogginghose ab. Im Gefängnis halte man den Ball flach, sagt Haberkorn, hier gehe es darum, so wenig wie möglich Stress zu haben. Die Gesinnungsfrage ist offensichtlich eher etwas für die Freiheit.

Der Kunsttherapeut ist der absolute Chef hier. Er kann zwischen die härtesten Jungs gehen, wenn sie zu viel Wirbel machen. Der Ton zwischen ihnen ist derb, aber auf eine ungeschönte Art respektvoll. Haberkorn kündigt nun El Mono als „den heißen Stern der Anstalt“ an. Die Band beginnt mit einem ihrer beiden Coversongs. Ab der ersten Minute geht das Publikum ab. Abwechslung passiert in so einer Form vielleicht einmal im Monat. Eine halbe Stunde spielen sich El Mono durch ihr Repertoire, von den „Harten Zeiten“ zu einem Lied über Liebeskummer, hin zu einem Song, den Herr Bibow schrieb. „I’m fucking waiting“ ist ein melodisches Rockstück, zu dem sich die Inhaftierten schwitzend umarmen und kraftvoll schunkeln. Testosteron befeuerte Männerfreundschaft in einem schmucklosen Raum mit weißen Deckenplatten, grauen Wänden und Linoleum-Fußboden, mit einem Fenster, hinter dem die Anstaltsmauer das Ende ihrer Aussicht zementiert.

Doch jetzt ist dieser Raum mit schwarzem Moltonstoff abgedunkelt. Für einen kurzen Moment wirkt die Welt hier drin wie ein ganz normaler Konzertsaal. Als die Dresdner Band Airwolf auf die Bühne geht, springen die Gefangenen auch zu ihrem „augenzwinkernden Garage-Rock mit Blues-Anleihen“ herum. Keine Berührungsängste. Das Publikum folgt brav dem Aufruf des Sängers, sie mögen doch nach vorne kommen und richtig abgehen. Also schubsen und umarmen sie sich dort einfach weiter.

Es ist offensichtlich ein guter Abend, der damit endet, dass Airwolf Autogramme geben. Als Band in dieser Formation haben sie erst wenige Auftritte hingelegt und sind ziemlich beeindruckt von der emotionalen Reaktion auf ihre Musik. Ihr kerniger Song „Heart & Balls“ ist das perfekte Lied für die Situation, wie der Schlagzeuger selber anmerkt. Nach dem Konzert stehen die Musiker beieinander, rauchen und fragen sich ein wenig aus. Langsam trennt sich das innen wieder vom außen. Die einen fahren zurück nach Dresden, die anderen müssen 21 Uhr in die Zelle. Ein früher Feierabend für den Rock’n’Roll.

Marcus ist immer noch aufgedreht. Er erzählt, er habe beim Singen etwas gefunden das er schon immer gebraucht habe, so etwas wie Zufriedenheit. Ab September wechselt er in den offenen Vollzug. Draußen will er weitermachen mit der Musik. Auch, wenn er dann wieder als Eisenflechter arbeitet, in dem Beruf, den er erlernt hat. Dann ist er in der Welt unterwegs, in der kein Alfred Haberkorn und kein Herr Bibow ihm die Richtung weisen. Vermutlich kommen da wieder ein paar harte Zeiten auf ihn zu.

Foto Amac Garbe

 

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