Geweint wird im Sitzen

Ihre Show ist irgendetwas zwischen Liederabend, Kinderfasching und Improvisationsexzess. Sie blödeln, sagen The Fuck Hornisschen Orchestra über sich selbst. Mit dieser Blödelei wollen sie ihr Publikum daran hindern, dümmer zu werden.

Das ungleiche Duo: Christian Meyer, der Schwarzhaarige mit der signalroten Trachtenjacke und der dicken Brille, eine singende Ausdruckstanzmaschine. Julius Fischer, sein behäbiger blonder Gegenspieler im cremefarbenen Jackett, ein klugscheißender Bücherwurm mit Akustikgitarre. »In den nächsten zwei Stunden ist euer Arsch unser!«, verkünden sie vor rund 80 Gästen im BKA-Theater in Berlin-Kreuzberg. Es ist eine Zeile aus »Massage in a Bordell« und ihre Interpretation des ähnlich lautenden Police-Klassikers. Ihr Text hat mit dem Original nicht mehr viel zu tun. Er beschreibt aber gut, was das Publikum zu erwarten hat. »Wir werden nie wie The Police klingen/wir werden nie so super wie Sting sing’n/Wir machen trotzdem unser Ding-Ding/uns kann nichts so schnell aus der Fassung brbrbringbring’.«

Ihr Ding-Ding ist neben dem Klamauk vor allem die Naturromantik. »Bäume hui, Häuser pfui« lautet die Botschaft von Christian Meyer und Julius Fischer. In ihren emotionalsten Liedern kümmern sich die beiden Musiker um den Wald und schmelzende Gletscher, gratulieren einem See oder freuen sich über ein gerettetes Fohlen. Die Theatralik gehört zur Hornisschen-Show dazu wie ihre sofortige Zerstörung. Dazu klimpern sie auf quietschendem Elektrospielzeug herum und spielen mit Konsumschrott. Ihre Kulisse sieht aus, als hätten sie gerade einen Ein-Euro-Laden ausgeräumt: blinkende Herzen, Goldsterne, Konfetti. Ihre Lieblingsutensilien sind eine Rave-Hand aus Plastik, eine applaudierende Fliegenklatsche und ein Barbecue-Fön. Damit produzieren sie jede Menge heiße Luft. Und plaudern. Meyer erzählt über eine überstandene Zeh-Operation und Fischer über seine Mutter. Sie wird an diesem Abend noch sehr oft erwähnt, denn sie sitzt im Publikum. Ein Spezialgebiet der Band ist es, Stimmungen und Situationen ins gesungene Rahmenprogramm einzubauen.

Nach der Hälfte erörtern sie ihren bisherigen Auftritt im Backstage-Bereich, sagen Sachen wie »Das mit den Nazis funktioniert!« oder »Das Lied »Narben« ist schon lange nicht mehr so gut angekommen.« Die Lage hinter der Bühne ist heiter, aber angespannt. Sie rauchen Kette, trinken Wein. Die zweite Showhälfte wird noch turbulenter. In der ersten Reihe lacht sich eine blonde Frau fast um den Verstand.

Ins Tourtagebuch setzt Meyer einen zufriedenen Eintrag. »Stimmung: es waren einige ältere Semester da, die überraschend gut mitgemacht haben. Viele Lacher, gediegene Atmosphäre, harmonisch. Wir: fühlten uns recht wohl, selten unverstanden.«

Ihr Auftritt im Hauptstadttheater ist Teil einer zehntägigen Tour, »nach glanz trachten«, die konsequent kleingeschriebene Weiterentwicklung ihres ersten Bühnenprogramms »vom fohlen und wäldern aus dem Jahr 2009. Damals folgten Einladungen von Kabarettbühnen, Fernsehauftritte bei »Nightwash« und im ZDF-»Comedy Lab«. Schließlich wurden sie die Hausband des NDR Comedy Contests, nicht unbedingt zur Freude des Moderators Karl Dall, der sich Übelkeit vortäuschend verzog, wenn die Jungs die Bühne betraten. Das half ihrer Popularität. Ihr Erfolg ist einigermaßen lang erarbeitet. Er ist so etwas wie eine Gewinnausschüttung nach Jahren der Übung und des Experimentierens im Spaßgeschäft.

Meyer, 28 Jahre alt, wächst in Lüneburg auf. Der zwei Jahre jüngere Fischer wird in Gera geboren. Ihre kulturelle Zugehörigkeit jedoch finden sie in Sachsen. Die Germanistikstudenten lernen sich im Jahr 2003 bei Studentenstreiks in Leipzig kennen. Sie nehmen an Poetry Slams teil. Der Eine ist bis heute erfolgreicher Autor und hat gerade sein erstes Buch veröffentlicht. Der Andere zieht sich von der Lesebühne zurück, nachdem er im Finale eines National Poetry Slams vor 1200 Leuten von der Bühne gebuht wird. Er will seine Kunst nicht länger bewerten lassen. Der nächste gemeinsame Schritt geht Richtung Late-Night-Entertainment. Den Weg nach oben beginnen sie ganz unten, in einem kleinen Leipziger Kellerklub namens Ilses Erika. »Dort haben wir verschiedene Shows gemacht und für jede ein neues Lied geschrieben. Wir haben viel gecovert und auch Playback gesungen«, fasst Fischer die ersten Jahre im Untergrund zusammen. Oft kamen nur wenige Gäste, aber schon damals entpuppte sich das Füllmaterial oft als Highlight des Abends.

Halle an der Saale. Das Orchester tritt vor knapp 50 Gästen im kleinen Studentenklub »Turm« in der Moritzburg auf. Hinter den beiden Künstlern liegen ein sehr und ein mäßig erfolgreicher Konzertabend. Zudem eine Fernsehaufzeichnung im Hamburger Klub Knust für den NDR Comedy Contest. Jetzt also Sachsen-Anhalt. Der Kartenvorverkauf lief schlecht. Beim Soundscheck wirken die Jungs genervt. Bühnenboden und Mikrofon wackeln bei jeder Bewegung. Keine gute Voraussetzung für eine Show mit ausgeprägter Tanzchoreografie. Irgendwas mit der Tonabnahme stimmt auch nicht. Es gibt Pfefferminzlikör anstatt Wein. Der Backstage-Bereich ist ein Tisch neben der Bühne. Vom Moderator werden sie als „The Fuck Hornischen Orchestra“ angekündigt, mit einem »sch« in der Mitte. Fischer stellt klar: »Es heißt Horniss-chen. Die kleine Hornisse, sozusagen die Vergangenheitsform.«
Auftreten ist Alltag, das bringt eine gewisse Souveränität mit sich. Auch wenn es auf der Bühne mal nicht so gut läuft. In Halle funktioniert die Show trotz Startschwierigkeiten gut. Ins Tagebuch schreibt Meyer über Halle: »Stimmung: nette Leute, gute Reaktionen, aber nicht euphorisch, eher interessiert als geflasht. Wir: fühlten uns recht wohl, manchmal unverstanden, aber insgesamt okay. Wenn man keinen Backstage hat, fühlt man sich immer serviert. Unangenehm, wenn einen die Leute die ganze Zeit sehen, zerstört die Bühnenillusion, die wir bei aller Nähe zum Publikum immer noch schaffen müssen. Sehr wichtig!«

Nach der Show übernachtet Meyer in einem Hostel vor Ort, Fischer fährt mit dem Zug zurück ins 40 Kilometer entfernte Leipzig. Noch reisen sie zu ihren Auftritten in Deutschland, Österreich und der Schweiz immer mit der Bahn, verstauen ihr Bühnenequipment in Tüten, Rollkoffern und Rucksäcken. Laut Fischer soll sich das einmal ändern: »Irgendwann haben wir einen Bus und einen Fahrer. Dann besitzen wir auch eine Kiste, wo nur Spielzeug drin ist und eine andere für drei Gitarren, einen Kontrabass, eine Mandoline und eine Ukulele.«

Ihr Auftritt soll immer ein wenig dilettantisch wirken – aber eben nicht sein. »Man muss die Instrumente beherrschen, damit es nicht schlimm fürs Publikum wird. Oder sich trauen.« Manchmal geht das nach hinten los, meist bei klassischen Kabarettbesuchern. »In München hat eine Frau nach unserem Auftritt gesagt: ›Das ist uns zu intellektuell«. Jetzt ist das Orchester für den Prix Pantheon in der Kategorie »Frühreif & Verdorben« nominiert. Es ist ein begehrter deutscher Kabarett- und Satirepreis. Das mit dem Orchester befreundete Künstlerduo »Zärtlichkeiten mit Freunden« aus Riesa hat diese Auszeichnung seit 2007 im Regal stehen. Die beiden »Bands« teilen sich die Vorliebe zur ausufernden Gedankenspinnerei. Aber während ZMF die Musik nur als Vorwand nehmen, um auf der Bühne zu stehen – sie musizieren höchstens ein paar Minuten – gibt sie im Hornisschenorchester den Ton an.

Fragt man Fischer nach seinen Vorbildern, nennt er Helge Schneider. Auch bei ihm fügte man früher immer gern hinzu, dass er zwar blödelt, aber ein guter Musiker ist. »Wir sind halt noch nicht so wie Schneider. Ich habe ihn oft gehört und angesehen. Da kann man sich schon denken: Okay, das ist machbar. Er hat in bestimmten Dingen eine sehr hohe Kunstfertigkeit und er experimentiert viel.« Fischer hofft, sich irgendwann nicht mehr dafür rechtfertigen zu müssen, vor allem lustig sein zu wollen.

Bei aller Verunstaltung ihrer Lieder − die Jungs können singen, haben jahrelang im Chor geübt. Sie können mit ihren Stimmen eine ganze Menge. Das merkt man bei Liedern wie »Verpasste Gelegenheit« in denen sie sich durch verschiedene Musikgenres singen, rappen, grunzen und raven. Der Rave ist sowas wie ihr Spezialgebiet. »A capello-Tekkna« nennt Fischer, was sie nur mit ihrem Mund machen. Zu ihrem Repertoire gehört allerdings auch die elektronische Spielart, die Meyer auf seinem Kinderspielzeug zusammensampelt. Das ist vor allem deshalb so lustig, weil beide überhaupt nicht so aussehen, als würden sie nachts durch Stroboskop beleuchtete Klubs ziehen. Sie sehen eher nach Brause oder Weinschorle in der Kneipe aus. »Wir weinen am liebsten im Sitzen« heißt dann auch der Song aus dem DJ-Disc-Mixer und zelebriert ihre Trenduntauglichkeit: »Andre gehn in’ Klub, wir bleim’ zu Haus.«

Die Ironie ist Arbeitsmittel. Sie sorgt, besonders bei Meyer, für den Abstand zum eigenen Leben, den eigenen Gefühlen. »Ich habe mit meiner damaligen Band Psychotexte geschrieben. So was wie ›manchmal frage ich mich, warum du eine Maske trägst, ich warte auf den Tag an dem ich zufrieden bin‹.« So pathetisch kommt er einem heute nicht mehr. Was auf der Bühne herrlich unreif aussieht ist sozusagen das Ergebnis eines Reifungsprozesses. Auch Fischer hat dazu gelernt. »Es war sehr schwierig, meine Bühnenrolle zu entwickeln. Du hast diese absolut schillernde Gestalt neben dir, die braucht Raum.« Fischers Rolle als neunmalkluger Erklärer und Relativierer funktioniert nur bei einem kleinen Publikum. Vor vielen Leuten gibt er eher den dummen Musiker, der immer beleidigt wird. »Andererseits geht das auch nicht so richtig, denn ich glaube, Christians Witz trägt nicht über den ganzen Abend. Es braucht halt dieses: ›Tut mir leid, das ist jetzt Christian, der flippt gerade aus.‹ Das Publikum soll nicht allein gelassen werden mit diesem Verrückten. ›Ihr könnt euch ruhig unwohl fühlen, das geht mir bei der Probe genauso.‹«

Der große Kinosaal in der Dresdner Schauburg bietet 300 Gästen Platz. Dresden ist Hornisschen-Naturschutzgebiet. Alles ist größer, pompöser. Der MDR filmt die Jungs bei der Arbeit. Sie sind gut drauf. Es gibt Rotwein fürs Publikum. Meyer ist sehr aufgedreht und bemerkt dennoch den Stimmungsumschwung, nachdem sie einen zwölfminütigen Kurzfilm zeigen. Er schreibt danach ins Tagebuch: »Stimmung: am Anfang heftig euphorisch, dann flachte es ab. Die Kinosessel sind einfach zu gemütlich. Wir: dennoch super. War nicht bös’ gemeint vom Publikum, dass sie nicht mehr so laut da waren.«

Foto Amac Garbe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.