Ich bete an das Unbekannte

Er sei immer aufgeregt vor der ersten Show, sagt seine Agentin. 20 Minuten, mehr Zeit habe er nicht. Aber wenn Erich von Däniken dabei rauchen könne, dürfe das Interview schon ein bisschen länger dauern, dann sei er entspannter. Das lässt ihn sehr menschlich erscheinen, den Mann, der sagt, dass wir alle von Außerirdischen abstammen.

Ich bin zwei Generationen jünger als Sie, ich musste Ihren Namen googlen. Schockiert Sie das?
Nein, überhaupt nicht.

Haben Sie als Kind gern in den Himmel geschaut und sich gefragt, was da oben wohl ist?
Ich lebte als streng katholisch erzogener Junge in einem Schweizer Jesuiteninternat. Dort übersetzte ich die Bibel. Der liebe Gott musste Eigenschaften haben, dachte ich. Er sollte zeitlos sein, allgegenwärtig. Der Bibelgott hat diese Eigenschaften nicht, der rast mit Fahrzeugen rum, macht Experimente und Fehler, weiß nicht Bescheid was läuft. Ich zweifelte an meiner anerzogenen Religion. Ich wollte wissen, ob andere Völker auch so komische Geschichten haben. Das war der Startschuss.

Apropos Startschuss. In Dresden fand die offizielle Premiere Ihrer „Multivisionsshow“ statt, Sie kommen noch zweimal wieder. Ist Ostdeutschland Erich von Däniken-Kerngebiet?
In den 60er und 70er-Jahren war Westdeutschland das Gebiet, denn der ganze Osten war Däniken-tabu, ich war hier verboten, auch in anderen Ostblockstaaten. Das Nachholbedürfnis müsste sich eigentlich gelegt haben, ich war ja schon so oft hier. Aber die Menschen mögen mich und umgekehrt auch. Ich mag die Ossis. Ich hab hier die tollsten Sachen erlebt.

Es gab ja angeblich Menschen in der DDR, die ihre Bücher mit der Hand abgeschrieben haben.
Ja, Gäste haben diese Bücher schon mitgebracht. Andere haben sie verbotenerweise fotokopiert. In den 70er-Jahren machte ich Interviews bei Radio RTL in Luxemburg, die hat man in Ostdeutschland auch gehört. Manche haben mir Postkarten geschickt und ich hab ihnen immer gratis Bücher gesendet, die kamen nicht zurück.

Und tatsächlich, bei der Signierstunde vorm Vortrag im Boulevardtheater kommen viele der 500 Besucher am Büchertisch vorbei, an dem Erich von Däniken sitzt und tapfer alle deutschen Namen buchstabiert, bevor er seine Widmung in die Bücher schreibt. Eine Frau um die 50 erzählt, dass sie so eine Schwarzkopie vom ersten Buch „Erinnerungen an die Zukunft“ als Kind in einer Nacht gelesen hätte. An diesem Abend kauft sie die gesamte DVD-Kollektion und einige Bücher noch dazu. Eine andere überreicht Däniken einen Dresdner Stollen, nicht zum ersten Mal offensichtlich. Viele der älteren Gäste begegnen ihm mit Ehrfurcht, auf jeden Fall mit großer Freude. Warum auch nicht? Er hat ihnen zu DDR-Zeiten ihre beengte Welt um ein paar Galaxien erweitert. Doch es sind auch einige jüngere Menschen da. Manche tippen während seines Vortrags die ganze Zeit in ihr Handy, als würden sie seine Behauptungen direkt im Internet abgleichen wollen. Das Netz, findet Däniken allerdings, sei keine sehr ernstzunehmende Quelle, jeder könne dort schließlich schreiben was er will.

Fühlen Sie sich manchmal abgehängt als Pionier des Genres?
Ich fühl mich nicht abgehängt, aber zuweilen auf den Arm genommen. Das Internet hat unglaubliche Vorteile und genauso viele Nachteile. Ich benutze es ganz selten, ich google vielleicht mal eine Person, die ich nicht kenne. Aber ich weiß von meinen Mitarbeitern, dass ich zigtausend Mal vorkomme, dass es Videos gibt, angeblich von mir, und irgendwer sogar Geld damit verdient.
Es gibt auch einen englischen Facebook-Account mit seinem Namen. Der hat über 75000 Likes.

Sie holen sich Ihre Informationen also immer von Wissenschaftlern oder direkt vor Ort?
Immer! Ich schreibe über nichts, was ich nicht persönlich kenne, gerochen, berührt habe oder die archäologische Literatur dazu kenne.

Sie sagen, Sie zeigen „Bilder, die kein Fernsehsender, keine Nachrichtenagentur zeigen darf“. Warum darf die niemand zeigen?
Es ist nicht verboten, aber: Jeder will vernünftig sein – der Chefredakteur, eine seriöse Zeitung, Journalisten, Fernsehsender. UFO ist immer noch unvernünftig. Man will sich nicht lächerlich machen, die Aktionäre sollen nicht denken: Ja, spinnen die? Das Ganze hat nichts mit Verschwörung zu tun, es ist der Zeitgeist. Die Gesellschaft ist einfach noch nicht reif für dieses Kapitel. Aber es ändert sich langsam. Die Vorausdenker mussten schon immer auf den Zeitgeist warten.

Hat denn die Wissenschaft auch schon mal Thesen von Ihnen übernommen und neu überprüft?
Jein. Ob ich schuld bin weiß ich nicht. Ich halte viele Vorträge und da kommen immer wieder ältere Menschen auf mich zu und sagen, ich hätte ihr Leben beeinflusst. Aus dem einen wurde ein Biologe, aus dem anderen ein Raumfahrttechniker oder Astronom. Irgendwie macht mich das stolz.

Und das mit den Thesen?
Ich habe seinerzeit behauptet, interstellare Reisen sind möglich. Die klassische Wissenschaft sagte: Alles Unsinn, man kann die Lichtjahre nicht überbrücken. Inzwischen weiß man, dass man es kann. Ich habe außerdem gesagt, es gibt außerirdische Lebensformen, die sind menschenähnlich. Auch das sei völliger Blödsinn, die Evolution laufe auf anderen Planeten ganz anders. Die Theorie namens Panspermie des schwedischen Nobelpreisträgers Svante Arrhenius bestätigte aber zumindest die Möglichkeit, dass wir Ableger eines anderen Systems sind.
Arrhenius erhielt den Nobelpreis allerdings für seine Forschungen im Bereich der Chemie. Die Hypothese der Panspermie wird von den meisten Wissenschaftlern bisher als reine Spekulation betrachtet, da bislang nur auf der Erde Leben nachgewiesen werden konnte.

Sie sprechen von der sogenannten Lebenswolke. Sie sagen, fremde Lebewesen haben ihre DNS durch die Galaxie verstreut und die landete dann auch auf der Erde. Sie glauben wirklich, dass wir alle von Außerirdischen abstammen?
Indirekt. Wir haben zwar eine Evolution, aber die wurde von dieser DNS gestartet. Ich habe noch gelernt, alles entstand aus der Ursuppe. Atome haben sich zu Molekülketten verbunden, etc. Doch die moderne Wissenschaft sagt, das geht nicht, wegen den Zufällen, den Temperaturen, den Säuren. Die Evolution ermöglicht bestimmte Formen auf der Erde. Ein Beispiel: Delfine können noch so intelligent sein – wenn sie rausfinden wollen, ob es einen anderen Planeten mit Delfinen gibt, müssen sie eine Antenne bauen, müssen vorher Metalle gießen, Feuer machen und erst mal aus dem Wasser raus. Die Vielfalt der Evolution wird nicht bestritten. Nur das alles ist schon in unserem ursprünglichen Programm drin.

Das mit der Wolke klingt ziemlich abgefahren. Aber letztlich genauso ungreifbar, wie die Theorie des Urknalls. Wie arbeiten Sie sich an neue Theorien heran?
Man lernt aus Fehlern, wird immer gescheiter und lernt, dass man mehr zuhören soll. Ich habe viele Freunde in allen wissenschaftlichen Branchen. Die sagen oft, das musst du aufgreifen, das kann ich mit meinem Namen nicht machen.

Sind Ihre Gegner heute milder zu Ihnen oder haben aufgegeben?
Die schlimmsten Kritiker sind gestorben. Die neue Generation ist tatsächlich eher milder. Das liegt an beiden Seiten, denn auch ich habe meine Aggression verloren. Früher war ich rechthaberisch, vielleicht auch selbstherrlich, nicht selbstkritisch jedenfalls. Das legt sich mit dem Alter.

Gibt es auch für Sie an den Haaren herbeigezogene Theorien zum Thema Außerirdische?
Es wimmelt davon. Die Hohlwelttheorie zum Beispiel. Außerirische lebten im Inneren der Erde. Absurde Spinnerei. Oder die Behauptung, Außerirdische würden in der Sonne leben. Was soll man da noch sagen? Habt ihr nie Astrologie studiert, kennt ihr die Temperaturen nicht?

Was halten Sie davon, wenn man Sie Pseudowissenschaftler nennt?
Früher habe ich mich geärgert, heute nicht mehr. Ich habe gelernt, wie die Wissenschaften entstehen. Archäologie gab es vor ein paar hundert Jahren noch gar nicht. Reiche, spinnerte Leute haben in ihren Kolonien Dinge geklaut. Irgendwann hatten sie so viele Statuen und keiner wusste, welcher Kultur sie entstammten. So entstand eine wunderbare und ernste Wissenschaft. Mit der Anthropologie ist es nicht anders. Darwin war auch umstritten, man hat über ihn gelacht.

Pseudowissenschaftler sind also nur ihrer Zeit voraus?
Am Anfang ist es immer Spekulation, dann wird vielleicht eine Theorie oder These draus. Irgendwann interessieren sich so viele Menschen dafür, dann müssen wir es auf die Hochschulebene heben und es trennt sich Spreu von Weizen. Ich bin zuversichtlich, dass in etwa zehn Jahren, vermutlich in den USA, irgendein reicher Mäzen eine Branche öffnet, sie vielleicht Paläo-SETI (Search for Extraterrestrial Intelligence) nennt und anfängt zu sortieren.

Ist es nicht frustrierend, dass sich bisher noch keiner von denen hat wieder blicken lassen, für alle sichtbar?
Die Distanzen überbrückt man nicht in kurzer Zeit. Selbst mit einem Generationenraumschiff dauert es ein paar tausend Jahre. Vielleicht sind sie aber auch schon da. In der UFO-Szene gibt es diesen Fall von Roswell, da soll ein UFO niedergestürzt sein, was die US-Regierung acht Mal dementiert hat. Der amerikanische Astronaut Ed Mitchell ist in Roswell geboren und sagt, wir werden angelogen. Wem glaubt man jetzt?

Im Vortrag erzählt er von weiteren UFO-Erscheinungen. Das katholische Sonnenwunder von Fátima in Portugal im Jahr 1917 sei in Wirklichkeit eine davon gewesen. Das wurde 1960 vom Pabst nur nicht so bestätigt, weil es Panik unter den Menschen ausgelöst hätte. Und dann folgt wieder so eine abenteuerliche Däniken-Theorie, die im Saal nicht einen einzigen Lacher erntet: Die Außerirdischen zeigen sich nicht, zum Beispiel, über einem vollgefüllten Fußballstadion, weil sie uns nicht schockieren wollen. Sie wollen, dass sich unser Bewusstsein langsam ändert. Deshalb sieht man sie so selten.

Woran glauben Sie heute eigentlich noch? Wem senden Sie Ihre Gebete?
Meinen christlichen Glauben habe ich längt verloren. Ich glaube an die Schöpfung. Ich glaube, da ist irgendeine intelligente Lebensform, die tatsächlich etwas initiiert hat. Ich bete an das Unbekannte. Wenn ich alleine bin sage ich dem Universum Danke für die grandiosen Sterne und dass man leben darf und gesund ist, aber nicht: Bitte besorg mir einen Sechser im Lotto.

Sie tragen fast immer ein blaues Jacket. Warum eigentlich?
Das hat sich so ergeben, es ist meine Lieblingsfarbe. Alle meine Schlafzimmerwände sind blau. Dieses Jackett – er zeigt auf seine Brust – habe ich von Ed Mitchell zu meinem 75. Geburtstag geschenkt bekommen. Es ist sowas wie mein Markenzeichen. Ich habe ungefähr 14 Stück davon.

Foto – Wolfgang Wittchen

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