In der Nacht lebt die Freiheit

Max Rademann ist kein Alleskönner. Er malt Witzbilder, schreibt Texte und moderiert, sagt er über sich selbst. Albern findet er es, wenn sich Menschen alles, was sie ein paar Mal gemacht haben, als Profession anheften lassen.

Ja, er macht auch Musik, singt im Chor, legt gelegentlich Platten vor anderen auf und tut noch viele andere Dinge, die viele andere nicht tun. Doch er käme nie auf die Idee, zu sagen, er wäre Schriftsteller, Musiker oder DJ. Ganz besonders nicht DJ. Er kann nicht einmal zwei Platten ineinander mischen. An Selbstüberschätzung leidet er nicht, eher an zu krasser Bescheidenheit, sagt er. Dabei steht er ständig irgendwo auf einer Bühne, moderiert eine Band oder eine Veranstaltung an, liest seine Lesebühnentexte oder tritt als Gesamtkunstwerk Max Rademann auf. Gern als Alleinunterhalter.

Das sieht, wer in die Nacht eintaucht. In die Nacht, in der er wohnt. In der Neustadt, ruhige Nebenstraße, die Lieblingskneipen nur zwei Ecken weiter. Er sitzt manchmal noch so lange in der Bar bis die Hocker um ihn herum kopfüber auf den Tresen gestellt werden. Schließlich ist er deswegen einmal in die Großstadt gezogen, Kneipen auf dem Land schließen zeitig. An seiner Wohnzimmerwand klebt die Skyline von New York, noch mit den beiden Türmen des World Trade Centers. Rademann war dort und sein Besuch der Über-Metropole hallt lange nach, richtig weggehauen hat ihn das, und er ist traurig, als er nach zwei Wochen wieder zurückkehren muss. Richtig zu Hause sein ist eh nicht sein Ding, das sagen auch die überschaubar vielen Einrichtungsgegenstände in seiner Wohnung. Dass er im Monat mindestens zweimal unterwegs ist, zu Auftritten irgendwo in Deutschland, das kommt ihm sehr entgegen.

Die Sache mit der Talkshow beginnt 2011. Nach einer Festival-Party im Festspielhaus Hellerau. Nachdem er dort wieder einmal ein paar Soul- und Hip-Hop-Platten auflegt und ein paar Songs an der Orgel spielt, klopft ihm die musikalische Programmleiterin auf die Schulter und fragt ihn, ob er sich eine eigene Talkshow vorstellen könne. Bis dahin hat Rademann in der Hauskantine gearbeitet. Er weiß, was die Programmleiterin am liebsten isst – Schinken-Käse-Toast – und nun soll er mit ihr zusammen ein Konzept ausarbeiten. Nie wäre er auf so eine Idee gekommen, schon gar nicht im intellektuellen Umfeld Helleraus. Richtige Musiker nennt er Menschen, die dort auftreten. Von ihm erhofft sich das Haus Kontakt zu den Menschen, die bis dahin eher selten in die Straßenbahnlinie Acht aus der Neustadt zum Festspielhaus Hellerau steigen, um sich dort etwas anzusehen. Aus dieser Hoffnung entsteht der Dienstagssalon. Sein Dienstagssalon.

Am 28. Juni redet Rademann zum 50. Mal mit einem Gast, der irgendwas mit Musik zu tun hat. Einen richtigen Ablauf gibt es anfangs nicht, er entwickelt sich erst über die Jahre. Genau wie seine Fähigkeiten als Moderator. Holprig ist es oft gewesen, sagt er. Von außen sieht es vielleicht charmant aus, wenn er versucht, seinen Gästen eine gute Zeit zu bescheren, innen ist oft Unsicherheit. Dagegen hilft Routine. Zeitgenössische Musiker, Elektroniker, Punks, klassische Quartette, viele sitzen in seinen Sesseln, immer dienstags, immer neben der alten Fransenstehlampe, und reden mit ihm über ihre Kunst und oft doch über alles andere. Rademann mag nicht aufdringlich sein, glaubt, er hat ein gutes Gespür für Grenzen. Meistens erzählen die Leute sowieso freiwillig mehr, als er sich vorstellen kann, einfach, weil sie mal vor einem Mikrofon sitzen.

40 ist er dieses Jahr geworden. Was das bedeutet, das fragt er sich oft und kommt zu keinem Ergebnis. Er neigt dazu, Dinge zu akzeptieren, die er nicht ändern kann. Manche Leute sehen in ihm den frechen Typen, den krassen Sprücheklopfer, einen, der andere aus der Reserve lockt. So sagen sie es ihm nach seinem Auftritten. Sieht er nicht so. Beim letzten Dienstagssalon lässt er seinen Gast, den experimentellen Musiker Daniel Williams, lange über schottischen Whisky reden und noch viel länger musizieren. Er gibt seinen Gästen drei Stunden lang eine echte Bühne. Nicht er ist der Mittelpunkt, sondern die anderen. Ganz ruhig sitzt er daneben und zwirbelt seinen Bart, hört mit fast kindlicher Neugier zu. Er hat ein Faible für Einfachheit, kann affektiertes Verhalten nicht ab. Wenn jemand etwas drauf hat, sagt er, dann soll der in einem Team schon die Oberhand haben. Aber bei einem Talk so zu reden als wäre er Harald Schmidt, das fände er unglaubwürdig. Er will unterhalten, nicht herausfordern. Und sein Publikum darf sich bloß nicht langweilen. Das spüre er körperlich, sagt er.

Vier Jahre geht es mit dem Salon gut. 2015 deutet man ihm an: es ist vorbei. Doch es geht weiter. Er arbeitet eine strengere Struktur aus. Jetzt hat sein Talk drei Teile, einen losen Einführungsteil, einen schnellen Abfrageteil und einen, in dem der Gast Platten aus Rademanns Sammlung aussuchen und darüber reden kann. Max Frisch trifft auf arte Tracks, alles keine Neuerfindungen, aber die Fragen schreibt er mittlerweile selber. In seinem Kopf, sagt er, ist während der Show Bambule, da toben die vielen noch nicht gestellten Fragen, und wenn er dann ins Stammeln gerät, dann hasst er sich kurz. Streng ist er, wenn etwas nicht so gut klappt, auch wenn es keiner mitbekommt. Einmal ist er Teil einer anderen Show, in einem anderen Haus, in der viele Menschen mitreden. Wenig Raum hat er da, kann nicht er selbst sein. Es wird eine dieser wichtigen Erfahrungen. Er findet trotzdem, er hat versagt, in diesem Format. Auch wo die persönlichen Grenzen liegen spürt er gut.

Manchmal nervt ihn, dass er immer der Mann fürs Erzgebirge ist. Doch seine Heimat ist nun mal der größte Ideengeber seiner Arbeit. Kindheit in Schwarzenberg. Idyll im Wald. Mit 24 drängt er weg, macht sich aus der Entfernung von 117,5 Autokilometern über seine Heimat lustig, um sie langsam wieder in sich zu entdecken. Sein ältester Bruder (er hat noch einen anderen und eine Schwester) ist ein Holzbildhauermeister mit eigenem Laden in – immer noch – Schwarzenberg, der geht durch diesen Reifungsprozess offensichtlich nicht in gleicher Weise hindurch. Max Rademann ist in Dresden, der Stadt, die auch nicht gerade hochdeutsch spricht, der Typ mit dem lustigen Dialekt und erzählt in der monatlich stattfindenden Dresdner Lesebühne Sax Royal im Prinzip keine Geschichten, sondern das, was er auf seinen Rückreisen ins Erzgebirge erlebt oder woran er sich aus seiner Jugend noch erinnert. Er malt nur aus, was ihm längst vorgezeichnet wurde. In der Fichtelbergbahn sitzend fällt ihm vor ein paar Jahren der Erzählstrang für ein Kinder-Comicbuch ein. Von einer unerwiderten erzgebirgischen Jugendliebe bleibt die Mutter in seinen Gedanken hängen, wie er mit ihr damals am Küchentisch – sie kocht ihm schwarzen Tee und nimmt ihn, den fragenden Jugendlichen, so ernst als wär er erwachsen. Diese geistige Freiheit beeindruckt ihn.

Regeln für seinen Alltag hat er abgeschafft. Seine Freunde und Kollegen schätzen ihn als überdurchschnittlich faul ein, sagt er. Zwar könne er arbeiten, Deadlines halte er auch ein, auf ihn sei Verlass, aber alles andere sei eben seine Angelegenheit. Fürs zeitige Aufstehen braucht er einen guten Grund, meistens geht sein Arbeitstag erst mittags los. Lange ist das anders, weil er so oft Anlauf nimmt, um sein Abitur zu machen. 16 Jahre lang, drei davon muss er viertel sechs aufstehen, um den Zug zur Schule zu kriegen. Danach studiert er, schaut kurz bei der Philosophie, der Kunstgeschichte und der Germanistik rein, aber wirklich nur ganz kurz, zu ernst ist das alles, obwohl er findet, dass die alten Griechen schon einiges Erheiterndes zu bieten hatten. Das Ausschlafen jedenfalls, es ist seine größte Errungenschaft. Dafür malt er manchmal, wenn er einen kreativen Lauf hat, die ganze Nacht hindurch, solange, bis die Vögel wieder zwitschern.

Verdienen tut er nicht viel, sagt er, nein, das sei bestimmt keine Koketterie. Doch er ist stolz darauf, dass er davon leben kann. In der Semperoper, da würde er schon mal den Opernball moderieren, wenn man ihm das anböte, da gäbe es sicher viel Geld. Aber da wäre dann gar nichts mehr mit Punk, und das sei nun mal seine Sozialisation, sagt er und zeigt zum Beweis auf seine zerschlissenen Jackettärmel, die über der Stuhllehne baumeln. Ziemlich lustig findet er sich. Er glaubt, er kann Menschen erheitern. Seine Schwägerin findet zudem, er würde sich nie reindrängen und sich trotzdem sinnvoll einbringen, er hätte außerdem noch die Gabe zu entschärfen, in unsachlichen Diskussionen zu schlichten. Das würde er natürlich nie selbst von sich behaupten, oder doch, das mit der Aufmerksamkeit, das stimme.

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