Kiffen, saufen, nuthen

Peter Richter reist mal wieder in seine Heimatstadt Dresden. Der New York-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung schaut sich die Premiere des Theaterstücks „89/90“ an. Es ist das Theaterstück nach seinem Roman über das letzte Jahr der DDR. Zu sehen bekommt er seine Fragmentesammlung einer Dresdner Jugend aus der Sicht einer Schweizerin. Mit beweglichen Bühnenelementen, mit Schauspielern, die Nazis, Punks, Mädchen oder Lehrerinnen spielen und mit einer Band, die den Geist des anarchischen Zwischenmoments feiert. Ein Gespräch mit Regisseurin Christina Rast, Schauspieler Marius Ahrendt und Musiker Jarii van Gohl.

Wie viel Gegenwart sehen Sie in 89/90?
Christina Rast: Sehr viel. Geflügelte Worte wie „Wir sind das Volk!“ wurden ja in genau dieser Zeit geprägt. Man ist heute ganz anders konfrontiert mit den Utopien von damals, als Helmut Kohl zum Beispiel vom „gemeinsamen Haus Europa“ sprach. Ich finde spannend, wohin sich diese Sehnsüchte entwickelt haben. Sich zu erinnern ist grundsätzlich sehr wichtig, auch für mich als Bindeglied, als jemand, der damals nicht in Dresden war.

Sie sind Schweizerin. Haben Sie sich vorher schon mal mit dem Zerfall der DDR auseinandergesetzt?
Rast: Damals war das schon ein großes Thema. Für meine politische Haltung, wir waren sehr skeptisch dem Westen gegenüber, wie der den Osten so schnell eingesackt hat. Ich hatte, genau wie Richter, das Gefühl, dass da eine Chance vertan wurde.

Schlagen Sie nun einen Haken von der Vergangenheit in die Gegenwart?
Rast: Das macht der Zuschauer von ganz allein. Dazu kommt, dass Peter Richter selber aus der Jetzt-Zeit auf seine Jugend zurückschaut, er hat ja eine Anekdotensammlung geschrieben, und das verbindet ihn mit uns allen, die wir auch zurückschauen. Die Neunziger Jahre deuten auf eine Jetztzeit hin, das war ein kurzer, rechtsfreier Raum. Dieses Fenster ging mit der sogenannten Wiedervereinigung schnell wieder zu.

„89/90“ spielt zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung, in Dresden. Von den Schauspielern ist niemand aus dem Osten, fünf von ihnen waren im Wendejahr noch gar nicht geboren. Ist diese emotionale Distanz unpraktisch, hilfreich oder notwendig?
Rast: Distanz ist wirklich bei gewissen Dingen hilfreich, weil man sich annähern kann. Gerade die Sache mit der emotionalen Distanz, die empfinde ich bei Richters Buch auch. Es hat einen leicht zynischen, distanzierten Ton. Mich interessiert der aber nicht so sehr, ich möchte mir nicht anmaßen zu werten. Ich bringe im besten Fall mit, was im schlimmsten Fall auch kritisiert werden kann: einen naiven Blick.

Wie haben Sie Ihr Team auf die zu spielenden Umstände vorbereitet?
Rast: Viel zu wenig. Das liegt an den Theaterstrukturen, das Team hat sich ja neu gegründet. Wir haben in den Proben versucht, über die Zeit zu reden. Authentizität wäre ein Ansatz; wir versuchen eher ein Kaleidoskop, eine Beschreibung aus einer Perspektive und einer bestimmten Gesellschaftschicht heraus. Das hilft uns als Sprungbrett, denn es ist nicht ganz leicht, sich das anzueignen, aber dazu kann Marius vielleicht was sagen.

Welche Person spielen Sie?
Marius Ahrendt: Mehrere. Wir alle spielen die erwachsene Erzählerfigur, ich bin auch noch die Lehrerin Frau K. und ein Wehrlagerunteroffiziersschüler.

Rast: Da muss ich mal kurz unterbrechen. Das sind ja keine ausformulierten Figuren, auch bei Peter Richter sind das Anfangsbuchstaben, die für etwas stehen. Wir erzählen diese Figuren und Marius ist einer von den sechs Leuten auf der Bühne, die diesen Kosmos bevölkern.

Ahrendt: Genau, ich stehe für eine Orientierung, für die rechte Szene zum Beispiel und im zweiten Teil dann für den Aufbruch, dafür, wie man das neue System für sich nutzen kann.

Diese Anarchie, von der Richter spricht, was hat die mit Ihrer Jugend Ende der 2000er Jahre gemein?
Ahrendt: Die politischen Umstände sind natürlich nicht zu vergleichen, aber ich kann mich der Rolle nähern, weil ich mit 15 ähnliche Sachen gemacht habe: Mädchen wurden interessant, ich bin rausgegangen, hab mich betrunken.

Wie haben sie sich aufs Nazi-Sein vorbereitet?

Ahrendt: Ich bin groß und blond, das reicht doch aus. (Lacht) Nein, das Thema ist ja immer aktuell.

Rast: Es geht doch immer um die Suche nach einer Identität. Das trifft auf den pubertierenden 16-Jährigen zu wie auf die zusammenbrechende Gesellschaft.

War das eine neue Seite der Wendezeit für Sie? Haben Sie etwas über die Umbruchszeit dazugelernt?
Ahrendt: Viel. Ich kannte bisher eher die Fakten. Die Radikalität, vor allem im zweiten Teil, die finde ich spannend. Von wegen nach der Wende war es ein Land und Friede, Freude Eierkuchen. Es ist eskaliert und viele Leute sind in ein Loch gefallen, waren orientierungslos.

Wie war das für Sie, Herr van Gohl, sie sind in Thüringen groß geworden, haben die Wende als Jugendlicher miterlebt. Sind das auch Ihre Erfahrungen?
Jarii van Gohl: Ich war nicht so orientierungslos, eher frei. Aber musikalisch hat mich die Zeit stark geprägt. Ich bin ja in einer Kleinstadt aufgewachsen, da hat der Punkrock eingeschlagen wie eine Bombe. Nachts auf Konzerte und tagsüber in den PA-Unterricht, der Nachhall der DDR, der fast schon theatermäßig durchgezogen wurde. Dazu das Spalten in rechtes oder linkes Lager. Das beschreibt das Buch ganz schön. Ich kann mich auch ans Schnüffeln des Fleckenreinigers „Nuth“ erinnern, das haben natürlich nur Freunde gemacht.

Richters Theorie, nach der man es in der Jugend ein bisschen langweilig haben muss, um eine wirklich gute Band zu werden, teilen Sie die?
Gohl: Das ist ja jetzt noch ähnlich. In einer Großstadt wirst du die ganze Zeit bespielt. Bei mir gab es nicht mal einen Jugendclub. Wir hatten nichts zu tun außer kiffen, saufen, nuthen – schöne Textzeile – also trieb es uns in den Proberaum.

Und jetzt haben Sie einen Retro-Soundtrack zum Stück komponiert?
Gohl: Der Geist des damaligen Punkrocks ist in der Musik zwar präsent, aber wir covern keine DDR-Punksongs. Wir haben mit neuem Equipment in Gedanken an damals komponiert. Wer Dÿse kennt, also meine Band, bekommt auch ein entsprechend krachiges Stück serviert, aber es wird auch kein Dÿse-Konzert.

Rast: Mir war die Live-Musik wichtig. Und Punkrock war damals eine wichtige Untergrundbewegung. Was sollen wir Anarchie auf der Bühne darstellen, ohne sie je erlebt zu haben? Für dokumentarisches Theater bin ich die falsche, deshalb ist Dÿse eine wichtige Farbe im Stück. Außerdem ist die Musik auch der rote Faden durchs Buch.

Wie nah inszenieren Sie eigentlich am Buch?
Rast: Wir arbeiten fast ausschließlich mit Texten aus dem Buch und über die Komprimierung von 400 Seiten auf ein zweieinhalbstündiges Stück geschieht automatisch eine Interpretation.

Sie arbeiten mit Ihrer Schwester, Franziska Rast, die die Bühne gestalten wird. Was stand für Sie beide von Anfang an fest?
Rast: Das Thema des Gesellschaftszerfalls hat uns interessiert. Wir brauchten eine Übersetzung für die Bühne, suchten etwas Fragmentarisches, mit beweglichen Elementen; Symbole wie Helmut Kohl oder die DDR-Fahne.

Es könnte also ein beweglicher Helmut Kohl über die Bühne laufen?
Rast: Könnte passieren.
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Foto: David Baltzer

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