Harte Schale, reicher Kern
In einem Land, das so schön ist wie Costa Rica, bleibt einem nur die emotionale Kapitulation. Aber man selbst reist ja leider auch noch mit.
Ich1 habe vor einer Weile einen Flug nach Costa Rica gebucht. Später dann noch eine Reiserücktrittsversicherung, ein Zug-zum-Flug-Ticket und ein erstes Hostel. Ein eher schäbiges, fensterloses Hostel in einer zwielichtigen Gegend, in der es vielleicht gut ist, dass es keine Fenster gibt. Aber das weiß ich da noch nicht. Selbst kurz vor der Reise weiß ich eigentlich noch fast gar nichts über Costa Rica, das kaum größer ist als Niedersachsen, über das ich, ehrlich gesagt, auch nicht viel weiß. Aber da fliege ich ja auch nicht hin. Ich fliege nach Lateinamerika, in ein Land, das mit etwas Fantasie aussieht wie ein nach Südosten sprintendes Tier, den Po gen Nicaragua gereckt und mit den Vorderläufen fast in Panama. Mit seinem schmalen Körper trennt es den Pazifik vom Atlantik, so dass die Wellen seinen Rumpf und seinen Bauch kraulen. Wie schön es wäre, wenn Costa Rica die Form eines Faultieres hätte, denn ohne Faultier geht hier nichts, aber soviel Fantasie kann ich nicht aufbringen.
Ich möchte herausfinden, was es mit diesem Pura Vida auf sich hat, von dem hier alle reden. Eine Art inoffizielle Staatsreligion ist das, ein Zustand, eine universelle Handlungsstrategie. Ticos sagen Pura Vida und meinen wahlweise Bitte, Danke, Tschüss, So läuft das hier eben oder Ich weiß es doch auch nicht, aber es klingt lässig. Es steht für den Einklang mit einer Welt, die man vermutlich sowieso nicht ändern kann. Das ist schlau. Wenn nicht bereits ein Faultier abgebildet ist, verleiht dieser Spruch einem Stück Stoff oder einem geschliffenen Holzbrett Costa Rica-Credibility, das klappt sogar bei einer baufälligen Wellblechhütte im Problemkiez oder, deutlich leichter, beim ökologischen Yoga-Retreat mitten in einer Kaffeeplantage. Pura Vida ist überall, aber genau wie der Jaguar zeigt es sich mir noch nicht. Ganz am Ende meiner Reise, am Flughafen, werde ich von meiner Eigenverantwortung zur Suche befreit und mit folgender Botschaft verabschiedet: Pura Vida is in you. Take off and spread the word. Meine innere Transformation: per Abflug staatlich beglaubigt und mit Missionierungsauftrag.
Soweit bin ich drei Wochen vorher aber eben noch nicht. Da spreade ich noch Pura Winter; dicke Jacke, Handschuhe und was mein Einklang mit der Welt gerade treibt, weiß ich auch nicht so genau. Erstmal muss ich raus aus Deutschland, doch der Pura Vida-Express fliegt über 12 Stunden. Dazu kommen drei Extrastunden, weil irgendwas beim Boarding hakt und noch einmal zwei Stunden, weil die Startbahn enteist werden muss. Diese Verzögerung, die ich noch nicht so richtig als geschenkte Lebenszeit akzeptieren will, nutze ich, um meiner Angst vorm Fliegen ein bisschen Platz zum Austoben einzuräumen. Ab und zu holt sie sich ein paar Bachblütentropfen bei mir ab. Das funktioniert überraschend gut, sie ist beim Flug dann zu erschöpft, um sich allzu sehr in den Vordergrund zu drängen und schaukelt so lässig, wie das mit mir im Schlepptau eben geht, durch die Turbulenzen in fast 12.000 Metern Höhe.
Ich fliege der Zeit entgegen und lande in einer um sieben Stunden versetzten Vergangenheit. Mein Körper feiert den Jetlag und beharrt tagelang auf seine gewohnten Aufsteh- und Bettgehzeiten. Diese innere Verwirrung scheint sich auch auf äußere Zeiteinheiten auszuwirken, denn Minuten vergehen auf einmal langsamer als bei uns. Dieser Unterschied macht sich in meinem Travelleralltag regelmäßig bemerkbar. Wenn ich frage, wie lange ein Weg dauert, erhalte ich die Angabe in Autominuten, egal, wie konkret ich nach Gehminuten frage. Ich lasse mir das sogar auf Spanisch nochmal bestätigen. Mein offizielles Umrechnungsergebnis: fünf costa-ricanische Minuten sind in etwa 25 deutsche Minuten. Das gilt, mal mehr, mal weniger, auch für die Abfahrt von Bussen. Auf den Bustickets steht als Abfahrtszeit hora aproximada, falls doch mal jemand kommt, der pünktlich abfahren will. Selbst Kilometer werden in diesen schwammigen Minuten angegeben, weshalb die Reisedauer nirgends vermerkt ist. Zeit ist die Einheit, die es dauern wird. Meine 380 Kilometer lange Fahrt von der Karibik zur Pazifikküste soll mit dem Auto laut Google Maps siebeneinhalb Stunden dauern, dauert aber zwölf, weil schlechte Straßen, weil Erdrutsch, weil Unfall, weil Feierabendstau. So eine Busfahrt ist ein aufregendes Erlebnis für richtig wenig Geld. Ich buche es regelmäßig. Egal, ob im ausgemusterten gelben US-amerikanischen Schulbus oder im Chiquita-Plantagen-Hop-on-Hop-off, den die Arbeiter auch mal noch mit der armlangen Machete in der Hand besteigen.
Überall begegnen mir auf diese Weise authentische Personen, die einem der Tourismus nicht extra als authentisch verkaufen muss. Menschen, die im Paradies einer wenig paradiesischen Arbeit nachgehen. Im Land des puren, des reinen Lebens arbeiten die Menschen sechs Tage in der Woche, und auch eher zehn als acht Stunden. Gut verdienen tun hier die wenigsten, das Durchschnittseinkommen liegt bei 1.200 Euro, oft wohnen mehrere Generationen in einem Haus, weil’s einzeln nicht zum Leben reicht in einem Land, das im lateinamerikanischen Vergleich als teuer gilt. Das merke ich im Supermarkt, wo Schokolade und Kaffee so viel kosten, als wären sie von ganz weit weg importiert, obwohl sie doch aus der Gegend stammen. Pura Vida, das sei mehr so eine Einstellung, erklärt ein Uber-Fahrer, der sich, wie so viele andere, mit dem Kutschieren von Touristen ein paar Dollar dazuverdient. Vergleichsweise günstig fahre ich mit dem Privattaxi von A nach B und lasse mir von meiner Begleitung im Anschluss die Gespräche mit den Fahrern übersetzen. Mal beschwert sich eine Frau über den schlechten Straßenzustand und eine verlorene Radkappe, deren Ersatz sie doppelt soviel Geld kostet, wie die letzte Uber-Fahrt ihr einbringt. Mal sitzt die Mutter eines Fahrers im Knast und fragt in einer lauten Sprachnachricht an ihren Sohn, wann er ihr das Geld denn endlich vorbeibringen kann.
Die meisten Ticos aber reden über ihr wunderschönes Land, das gute Wetter und andere, für mich alle gleich wohlklingende Themen. Mein Englisch bleibt eine Dekosprache, die ich nur benutzen kann, sobald die Ami-Dichte und damit der Touri-Faktor eines Ortes größer wird. Ich bin oft die Einzige, die kein Spanisch spricht, was mich merkwürdig unsichtbar werden lässt. Ich lächle viel und bin ansonsten ziemlich still. Doch auch wenn ich Costa Rica ohne Untertitel wie einen spanischen Arthouse-Film ansehe, verstehe ich instinktiv, was Pura Vida meint. Ich nehme die Gelassenheit wahr, die Lebensfreude beim viel zu fettigen Essen, die Offenheit der Menschen, zumindest, wenn man in ihrer Sprache auf sie zuzugehen vermag. Ich fühle, warum man gern hier lebt.
Ich sehe es natürlich auch. Ich müsste blind sein, um diese Natur nicht wahrzunehmen, und selbst dann klänge sie noch fantastisch. Sie ist der Grund, warum aktuell 2,6 Millionen Touristen in ein Land reisen, das überhaupt nur doppelt so viele Einwohner hat. Costa Rica ist reich, genau wie der Name vermuten lässt. Nur nicht an klassischen Bodenschätzen, wie es laut Legende Christoph Kolumbus, wahrscheinlich aber irgendein heute namenloser spanischer Konquistador im 16. Jahrhundert hofft. Muss hart sein, statt Gold nur Palmen, Hibiskus, Maracujapflanzen und endlosen Dschungel zu entdecken. Entdecken heißt hier: einfach hinschauen: Faultiere, Affen, Nasen- und Waschbären, Agutis – ein Nagetier, das wie ein zu groß geratenes Meerschwein aussieht, aber lieber ein Eichhörnchen wäre – Tukane, Papageien, bunte Frösche, Spinnen und soviel mehr. Unfassbare 500.000 Tierarten, 60 Prozent Regenwald. Ständig laufen, fliegen, krabbeln oder hüpfen einem Tiere vors Auge, die es bei uns nicht gibt. Irgendwann später, da ist das Land längst schon eine Demokratie, da merkt es, dass es auch die Natur gewinnbringend ausschlachten kann. Das Gold Costa Ricas ist essbar und reift in kilometerlangen Plantagen. Als Urlauberin bekomme ich davon erfreulich wenig mit und reise in dem hoffentlich nicht so naiven Glauben, erfolgreicher Öko-Tourismus könne verhindern, dass ein Land seinen größten Schatz für den Export von Palmöl, Bananen und Ananas opfert.
Ohne die lästigen menschlichen Bedürfnisse wäre die Natur hier jedenfalls in der absoluten Machtposition. Pflanzen, die bei uns im Baumarkt traurig in ihrem Topf rumstehen, wuchern einfach so in der Gegend herum. Vor einem Baumhaus-Hostel mitten im Dschungel schnippelt eine deutsche Freiwillige motiviert mit einer Heckenschere an ein paar Pflanzen herum, so als würde es irgendeinen Unterschied machen, ob dem endlosen Tropengrün danach drei Äste fehlen. Ich denke an die mickrige Bananenstaude, die in der Ecke meines Schlafzimmers derweil vor sich hinfröstelt. Nach meiner Rückkehr werde ich merken, wie sie mich vorwurfsvoll im Schlaf beobachtet, nachdem ich sie ein wenig zu übermütig gieße und dann das Fenster aufreiße. Gesunder Nachtschlaf und so. Vielleicht züchte ich die erste Eisbanane, die es schafft, auch in Deutschland Früchte zu tragen. Dann verzeiht sie mir vielleicht ihren Import.
Hier in Costa Rica ist alles da im Überfluss. Delfine tauchen neben unserem Boot auf, kurz darauf stoßen Buckelwale dazu und vor uns Luft aus ihren Blaslöchern – es ist der erhabenste Sound der Welt. Ich sehe Kaimane und Leguane, wie sie im brackigen Wasser direkt neben mir herschwimmen und denke, schön, aber sollte ich jetzt wirklich weiter in diesen heißen Dschungel laufen oder doch lieber auf den Bus warten? Ich will auch mal fast den Besuch im wildesten aller Nationalparks absagen, weil eine Travellerin mir erfolgreich Angst macht, vor einem nahezu unsichtbaren Tier, das auch nur seine Ruhe haben will, aber eben tödliches Gift dabei hat, um sicherzugehen, dass es auch so bleibt. Dieses Tier ist vermutlich der Grund, warum die Tourguides Gummistiefel tragen. Im letzten, völlig überfüllten Nationalpark sehe ich sie dann, vielleicht zehn Meter neben dem Weg: die Terciopelo. Die Lanzenotter liegt stundenlang nahezu unbeweglich da und hebt sich tatsächlich kaum vom braungrünen Untergrund ab. Purer Respekt ist, was ich fühle. Don’t touch anything in the primary forest! sagen sie hier, und ich müsste verrückt sein, dem nicht zu folgen. Ich streichele auch die Kakerlaken nicht, nicht die, die durch meine Dusche huscht, und auch nicht die, die im Bett auf mich wartet. Ich kreische dafür aber auch nicht, als mich eine Mega-Zikade in der offenen Hostelküche anfällt. Soll sie doch, sie hat ja nur wenig Zeit zum Austoben auf dieser Erde. Als mich im seichten Pazifikwasser etwas Dunkles am Bein berührt und mit vielen Armen zurückschreckt, beende ich allerdings das Badeprojekt an diesem eh viel zu heißen Strand. Es gibt ja noch so viele andere.
In Costa Rica hat alles eine harte Schale. Was hier gedeihen soll, muss fit für 365 Tage im Jahr Hitze, Regen und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit sein. Kokosnuss und Ananas sind eindeutig Gewinner dieser Anpassung. Für das Gemüse, das ich so kenne, sieht es eher mau aus. Deshalb schmecken Gurken oder Karotten wie tropisches Obst bei uns – irgendwie fad. Aber mit jeder Woche, die ich in einem Land verbringe, in dem die Bevölkerung Reis mit Bohnen und frittierten Kochbananen ist, fehlt er mir doch sehr, der frische, grüne Salat. Relativ bald reift in mir eine Erkenntnis, die nicht ganz so süß ist wie das tropische Obst um mich herum: Ich bin ein europäisches Gemüse, bin dünnhäutig, durchlässig und nicht sehr resistent. Mich plagen deshalb häufig Kopfschmerzen von der schwülen Hitze, ständig muss ich auf die Toilette oder habe Hunger. Meine Begleitung prägt den schönen Begriff „FOMF“, was für Fear Of Missing Food steht und meine größte Sorge hinter einem klangvollen Akronym versteckt. Das sehr nachvollziehbare Plastik- und Essensverbot in den Nationalparks Costa Ricas stellt meine Grundbedürfnisse vor eine krasse Challenge. Einen Marsch durch einen dieser Parks überlebe ich nur dank zwei reingeschmuggelter Bonbons, und das, obwohl ich vor der Taschenkontrolle noch schnell alle trockenen Cookies in mich reinstopfe und auf der Tour lebende Termiten esse. Ich dippe einfach mit meinem Zeigefinger in das tierische Gewusel auf dem Stamm und lecke ihn ab. Schmeckt nach Erdnussbutter. Ich habe selbstverständlich auch mein hochprofessionelles 3-Liter-Trinksystem im Rucksack (Danke, Polyethylen!), das mich über einen Schlauch vorm sicheren Vertrocknen schützt, in einer Umgebung, die man an jeder Stelle auswringen könnte. Ich bin vielleicht ein deutscher Lauch, aber einer, der die klimatische Herausforderung annimmt!
Wie das alle anderen machen? Sie haben einfach eine dickere Schale. 74 Prozent der Frauen und 63 Prozent der Männer Costa Ricas sind übergewichtig, bestätigt eine aktuelle Studie. Das liegt vermutlich an den sahnigen Torten, den maisgelben Teigteilchen, den frittierten Kochbananen, Hühnchen, Empanadas. Sogar beim Japaner gibt es Sushi Tacos. Schade, dass man Reis nicht so gut frittieren kann. Ticos, und offensichtlich noch mehr Ticas, trinken auch nicht so gern frischgepresste Säfte und Smoothies, das machen nur begeisterte Touris. Ticos trinken Cola, Limo oder Bubble Tea und setzen ihre perlenden, softdrinkgepowerten Körper ganz selbstbewusst in Szene. Toll, diese gelebte Body Positivity. Leider sind auch in Lateinamerika die Folgen von Fettleibigkeit die gleichen wie bei uns: Diabetes, hoher Blutdruck, Herz-Kreislaufprobleme, Arthrose und, natürlich, Krebserkrankungen. Ich versuche, Alternativen auf den viel zu teuren Speisekarten zu finden. Ich schneide also häufig irgendetwas in meine Tupperdose und bereite mir Jogurt, Müsli, Obst- oder Gemüsesalat zu. Ich hinterlasse überall riesige Schalenberge, wie eine Schlange, die sich ständig häutet. Am Ende meiner Reise leide ich an einer schweren Form der Fruktose, ohne Maracuja, Banane, Ananas und Papaya geht nichts mehr. Ich arbeite aktiv an meiner harten Schale.
Wie dick sie nach drei Wochen wirklich ist, testet Lufthansa höchstpersönlich, denn irgendwer vertut sich im Aufruf zum Online-Check-In um einen Tag, und so denke ich eine Stunde lang, ich hätte meinen Rückflug verpasst. Ein letzter Stresstest, den ich höchstens mit einer Drei minus bestehe. Tags darauf klappt dafür alles reibungslos. Die Startbahn ist in normal tropischem Zustand, ich werde unsanft in die Luft gerüttelt und freue mich auf den Moment, in dem wir abheben. So kann man Flugangst auch kurieren. Oder ist das jetzt schon das Pura Vida in mir? Mein Flugkapitän heißt Herr Zweifel. Das sagt er aber erst, als das Flugzeug im kalten, grauen Frankfurt landet. Bienvenida a Alemania!
- Ich schreibe in der Ich-Form, meine aber oft das generische Ich und damit uns. Gracias, chica, para todo! ↩︎
1 Comment for “Harte Schale, reicher Kern”
Axel
says:U wie Unterhaltsam und nicht wie Uruguay!
Toller Text. Vor allem die Stellen im Text in solcher Dichte dass es schon ein riesiges Stellenangebot ist.